Das blaue Haus

 
von Sabine Skott
 
Das strahlend blaue Haus in Perm zieht alle Blicke auf sich, wenn der Bus mal wieder im Stau auf der Leninstraße fest hängt. Und obwohl das Haus seit über 100 Jahren in Perm steht, gibt es an der reich verzierten Fassade immer wieder Neues zu entdecken.

Das Gribuschin-Haus in der Leninstr. 13

Die Leninstraße ist eine der ältesten Straßen in Perm. Sie ist nach dem großen Brand in Perm 1759, bei dem nahezu die ganze Stadt niedergebrannt ist, angelegt worden. Die Straße, die im 19. Jahrhundert noch Pokrowskaja hieß, war keine reine Einkaufsstraße, sondern eine Straße mit verschiedenen Bildungseinrichtungen und den Anwesen der Permer Kaufleute.
 
Zu diesen Anwesen gehörte auch das blaue Haus, die Einheimischen nennen es nach seinem Besitzer Sergej Michailowitsch Gribuschin: das „Gribuschin-Haus“. Das Gribuschin-Haus wurde zwar nicht von Sergej Michailowitsch in Auftrag gegeben, sondern 1895-1897 von Alexander Bonawenturowitsch Turtschewitsch für einen anderen Hausherren erbaut. Jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaufte Sergej Gribuschin das Haus und ließ es umfangreich nach seinem Geschmack umbauen und umgestalten.
 
Die Gribuschins waren eine Kaufmannsfamilie aus Kungur, einer kleinen Stadt in der Umgebung von Perm, die in ganz Russland mit Tee handelten. Der Teehandel war zu dieser Zeit eine komplizierte und profitable Angelegenheit, so dass die Gribuschins im 19. Jahrhundert im gesamten Permer Gouvernement bekannt waren. Neben dem Handel unterstützte die Kaufmannsfamilie im Laufe der Jahre verschiedene kulturelle und soziale Einrichtungen in Perm finanziell, wie das Waisenhaus, die Lehranstalt für Blinde und die russische Musikgesellschaft.
 
Nach dem Tod von Sergej Michailowitsch wurde in dem Haus eine Musikschule eingerichtet. Zur Zeit der kleinen Revolution von 1905 war in dem Haus ein Hospital und später während der großen Tuberkuloseepidemie 1912 wurde in dem Gebäude eine Heilanstalt für Kinder eingerichtet. Fünf Jahre nach der großen Revolution wurde dort offiziell ein Kinderkrankenhaus eröffnet, das bis 1980 existierte.
 
Bevor in den 90er Jahren das Haus seinen Eigentümer wechselte, wurde nie eine ernsthafte Restaurierung vorgenommen, so dass das Gribuschin-Haus kurz vor dem Abriss stand. Der neue Besitzer, die uraler Abteilung der russischen Akademie der Wissenschaften (UO-RAN), bewerkstelligte die Erneuerung des Hauses, so dass es jetzt, wie einst die Pokrowskaja Straße, die Leninstraße im modernen Perm säumt, als Zeuge der Kaufmannstradition des alten Perm.

 
Das Eingangsschild der UO-RAN: Russische Akademie der Wissenschaften, Uraler Abteilung, Permer Wissenschaftszentrum

Der Architekt des Gribuschin-Hauses war der Russe Alexander Bonawenturowitsch Turtschewitsch (1855-1909). Anfänglich wenig erfolgreich, konnte er mit Hilfe eines großen Erbes 1891/92 selbständig ein zweietagiges Gebäude in Perm errichten, dessen Fassade ebenfalls, wie das Gribuschin-Haus in blau-weiß gestaltet wurde. Mit diesem Haus, das er seiner Frau schenkte, konnte er sich als Architekt in Perm etablieren. In Folge entwarf Turtschewitsch mehr als 150 Gebäude, davon 50 Kirchen, in Perm und dem Permer Gebiet. Das erste Gebäude Turtschewitschs an der Ecke der Straßen Bolschewistkaja und Revoluzii war zu Sowjetzeiten der Pionierpalast und ist heute das Jugendtheater von Perm.

Das Jugendtheater in Perm

Das blaue Haus in der Leninstraße wurde von 1895-1897 gebaut und ist mit Ornamenten verziert, die von dem Autodidakten Peter Agafin stammen. Die Fassade der Leninstraße wird waagerecht durch drei Geschosse und Senkrecht durch einen Mittelrisalit und zwei Eckrisaliten mit Pilastern und Lisenen gegliedert. Das Dach wird durch verschiedene Schmuckgiebel verziert. Die verputzten Teile der Fassade sind mit wenigen Ausnahmen in leuchtendem Blau gestrichen, vor denen sich die weißen Stuckelemente: Vasen, Frauengesichter und Ornamentbänder farblich und als Relief hervorheben.

 
Eckrisalit, Seitenteil               Mittelrisalit                             Seitenteil                                 Eckrisalit                                    

Die rudimentäre Sockelfassade gleicht das Gefälle der Leninstraße aus und besteht aus verschiedenen, unterdessen zugemauerten Rundbogenfenstern. Der Mittelrisalit ist in der Sockelfassade aufgeteilt in drei schmale Risalite die je ein steingerahmtes Rundbogenfenster einfassen. Dazwischen befinden sich je drei schmale rechteckige Fenster.

Sockelfassade der Seite und des Eckrisalits

Zwischen dem Mittelrisalit und den Eckrisaliten wird die Fassade im Sockelgeschoss durch einen schmalen Risalit in je drei Teile gegliedert. Hier wird das steingerahmte Rundbogenfenster in der Mitte aufgegriffen und von je zwei Rundbogenfenstern mit einem Relieffeld begrenzt. Die Reliefe zeigen ein florales Ornament aus in sich verschlungenen Zweigen. Die Eckrisalite der Fassade haben im Sockelgeschoss je eine große Eingangstür, die durch zwei Lisenen gerahmt und die bis in die erste Etage fortgeführt wird.
 
Sockelgeschoss und erste Etage werden durch zwei schmale Gesimslinien getrennt. Diese Gesimse bilden gleichzeitig die Unterkante der Fenster der ersten Etage. An den Eckrisaliten wird die Gesimslinie durch die Türen durchbrochen. Die Türen haben einen eckigen Stuckrahmen und darüber einen Fensterbogen mit Stuckrahmung, der beinahe bis zur Traufkante reicht.

                         
Eckrisalit mit Eingangstür                                                             Fenster über der Eingangstür                              

Die rechteckigen Fenster der Seitenteile habe eine rudimentäre Ädikula, die mit einem Gesims am oberen Abschluss und ornamentalen Manschetten aus verschiedenen Obstsorten kurz über dem geschosstrennenden Gesims, gebildet wird. Die Fenster werden von einem in Blumen und Obst gerahmten Kopf, der in einer flügelartigen Girlande hängt, bekrönt.

                                              
Frauenkopf an der Fensterädikula der Seiten der Fassade                      Manschette mit Früchtearrangement der Ädikula

Manschetten der Fensterädikulen

Diese Manschetten finden sich auch im Mittelrisalit wieder und bilden so eine zweite ornamentale waagerechte Linie in der gesamten Fassade. Die Fenster des Mittelrisalits überragen mit ihren Rundbögen die Fenster der Seiten. Als dekorativer Schlussstein wurden Halbreliefe aus Palmenblättern mit einem Schwert eingesetzt. Die Ädikulen der Fenster des Mittelrisalits sind in weiß gehalten.

 
Fenster des Mittelrisalits

Über den Fenstern der ersten Etage wird über die gesamte Fassade ein weißes florales Ornamentband geführt, welches durch die Lisenen der Seiten, die in dieser Höhe mit einem Frauenkopf geschmückt sind, durchbrochen wird. Im Mittelrisalit wird dieses Ornamentband durch die Pilaster durchbrochen, die an dieser Stelle mit Palmblättern dekoriert sind. Den Abschluss der Lisenen bildet das Frauenkopfrelief das dekorativ auf eine Vase gesetzt ist. Direkt über den Frauenköpfen befindet sich das letzte Ornamentband der Seiten unter der Traufkante. Es besteht aus einer Würfel- und einer Eierstabkette.

dekoratives Stuckband mit floralen Motiven und Würfel- und Eierstabkette direkt unter dem Gesims

dekorative Stuckbänder der Seiten und des Mittelrisalits

Im Mittelrisalit befinden sich über den Rundbogenfenstern im Anschluss an das Ornamentband die Fenster der Mansarde. Diese waagerecht liegenden ovalen Fenster sind von Stuckrahmen umgeben und bilden das Mansardegeschoß des Hauses. Mit den über die gesamte Fassade geführten Pilastern werden erste Etage und Mansarde architektonisch zusammengefasst. So dass der Eindruck eines zweistöckigen Hauses entsteht, das über eine Belle Etage verfügt. Die Pilaster im Mittelrisalit werden durch üppig ornamentierte Frauenköpfe, die unter einer Konsole hervorkragen, abgeschlossen. Über einem floralen Ornamentband befindet sich ein Eierstabband, das den Abschluss des Mittelrisalits vor der Traufkante bildet.

 
Fenster der Mansarde

Das Dach ist über den verschiedenen Fassadenteilen mit unterschiedlichen Schmuckgiebeln verziert, die die Gliederung der Pilaster und Lisenen aufnehmen. Über den Eckrisaliten findet sich eine balustradenartige Dachblende, die das Relief eines ovalen Frauenbildnisses mit je zwei Vasenskulpturen links und rechts zeigt. Über den Seiten der Fassade befinden sich stark gekürzte Pfeiler die eine mit Ornamentstuck bedeckte kleine Brüstung abschließen.

                       
Dachverblendung des Eckrisalits                                                 Dachverblendung der Seite der Fassade

Der Mittelrisalit hat einen aufwendigeren Abschluss. Der Schmuckgiebel gliedert sich äquivalent zur Fassade in fünf Teile. Die beiden Außenstücke sind mit einem flachen Rundbogen gestaltet, in dessen Stuckgiebelfeld sich ein Fächer befindet. An den Seiten finden sich die gleichen Vasenskulpturen, wie an den Ecken der Fassade. Die mittleren drei Abschnitte der Dachverblendung bilden zusammen einen Rundgiebel mit drei Stuckfeldern. In diesen Reliefen sind Frauen bei verschiedenen Tätigkeiten dargestellt. Die Fortsätze der beiden mittleren Pilaster sind mit Vasenskulpturen bekrönt, die von je vier nackten Jungen getragen werden.

Schmuckgiebel des Mittelrisalits

Obwohl die Fassade offensichtlich für die Straßenseite entworfen wurde, wird die Ornamentik der Seiten der Straßenfassade, inklusive der Dachblenden, an den Hofseiten des Gebäudes fortgeführt. Zusätzlich befindet sich jeweils links und rechts des Gebäudes ein Eisentor, deren Pfeiler die Farben der Fassade aufgreifen.

                                           
                          Eisentor der linken Seite                                                           Eisentor der rechten Seite                    

   
hofseitige Fassade

Mit dem leuchtenden Blau und den weißen Stuckornamenten aus floralen und geometrischen Motiven gilt das Gribuschin-Haus als ein Beispiel für den russischen Jugendstil, ein Architekturdenkmal für den „Stil Modern“.
 
Eine für die Permer wichtige Legende im Zusammenhang mit dem Gribuschin-Haus besagt, dass das Haus in dem Roman „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak beschrieben wird. In diesem Roman wurde eine Stadt vom Autor erfunden mit dem Namen „Jurjatin“. Einige Orte die im Roman geschildert werden, haben vermutlich ihre realen Vorbilder in Perm. So auch das in Jurjatin beschriebene „Haus mit Figuren“, dessen Darstellung auf das Gribuschin-Haus in Perm passt. Eine zweite Legende besagt, dass das Antlitz der Frauen in der Dekoration der Fassade, dem Aussehen der Frau des Eigentümers Sergej Michailowitsch Gribuschin entsprach.
 
Mit oder ohne Legenden, für Perm ist das Gribuschin-Haus in der Leninstraße 13 ein Zeugnis der aufstrebenden Kaufmannsgilde des 19. und 20. Jahrhunderts und ein Beispiel für den russischen Jugendstil. 
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