Der Turm des Todes

von Sabine Skott
 
Der Komsomolski Prospekt ist eine der vielfältigsten Straßen in Perm. Es finden sich hier zahlreiche Geschäfte, Cafés, Ausstellungssäle, Schulen und die Technische Universität. Am Ufer der Kama wird der Kompros, wie die Einheimischen ihre Straße nennen, von dem Glockenturm der Permer Staatlichen Kunstgalerie abgeschlossen. Am Komsomolski Platz, etwa drei Kilometer entfernt von der Kama, wird die Geradlinigkeit der Straße gebrochen. An dieser Stelle ragt ebenfalls ein Turm aus der Stadtsilhouette heraus und bildet ein optisches Pendant zum Turm der Galerie.

Komsomolski Prospekt mit Blick auf den Turm

Das palastartige Gebäude mit dem Eckturm ist 46 m hoch und beherbergt die Hauptverwaltung für Innere Angelegenheiten des Permer Gebiets. Die Einheimischen nennen dieses Bauwerk: Turm des Todes.

 
Schild am Eingang des Gebäudes

Das Gebäude besteht aus einem massiven Baukörper mit einem unregelmäßigen Viereck als Grundfläche, dessen Seiten sich den umgebenden Straßenverläufen des Platzes anpassen. Das Bauwerk hat fünf Etagen. Der Turm überragt den massiven Baukörper um weitere sechs Etagen. Der Architekt M. A. Pereleschin hat das Gebäude entworfen, das 1952 errichtet wurde. Mit seiner monumentalen Gestaltung gehört es zur sogenannten Stalinarchitektur der ehemaligen Sowjetunion.

Blick auf die Nordseite des Bauwerks

Das Gebäude ist in hellem Türkis-Blau gestrichen, die dekorativen Elemente sind mit weißem Stuck hervorgehoben. Die Fassade ist mit einigen Ausnahmen streng gegliedert. Horizontal werden durch die Fenster fünf Geschosse gebildet und vertikal durch Lisenen jeweils zehn bis zwölf Abschnitte. Die Fassade des Turmes nimmt diese Gliederung mit einigen Variationen auf. 
 
Das Sockelgeschoss wird durch ein künstliches Bossenmauerwerk von den darüber liegenden Etagen hervorgehoben. Das fünfte Geschoss wird mit einem über das gesamte Gebäude verlaufendem Gesims von den anderen Etagen abgetrennt. Zusätzlich befinden sich über der letzten Etage ein Stuckgesims und eine Säulen-Balustrade, die den fünfetagigen Baukörper bekrönt und gleichzeitig als Dachblende dient.

   
Künstliches Bossenmauerwerk der Sockels                                 Dachverblendung des massiven Baukörpers        

Vertikal wird die Fassade durch Lisenen gegliedert, die jeweils mit gleichem Abstand ein Fenster rahmen. Die Lisenen beginnen im zweiten Geschoss und verbinden drei Etagen miteinander. Durch das Gesims unter der fünften Etage sind die Lisenen mit einem angedeuteten Kapitell abgeschlossen und werden darüber als stark verkürzte Zitate wieder aufgenommen. Jeweils als Fortsetzung der Lisenen wird auch die Balustrade des Daches durch verkürzte Pfeiler vertikal gegliedert.

  
       Rundbogenfenster des Sockels                     eckige Fenster der 3. Etage               eckige Fenster der 4. Etage             

Die Fenster des Bauwerks sind überwiegend rechteckig. Im Sockelgeschoss wurden Rundbogenfenster und Rundbogentüren integriert. Diese Fenster werden mit Konsolen unter den Fensterbrettern und der Anordnung der Bossen in Form eines grob gemauerten Rundbogens betont. Die rechteckigen Fenster der durch die Lisenen verbundenen 2., 3. und 4. Etage weisen in der dritten und vierten Etage unter dem Fensterbrett reduzierte Stuckornamente auf. In der dritten Etage erscheint ein quadratisches Relief mit mehreren kannelierten Quadraten. Die vierte Etage hat unter den Fenstern eine durch ein Stuckornament stilisierte Balustrade. 

Östliche Ecke                                                                                                                                                      Westliche Ecke

An den Ecken des massiven Baukörpers, die den Komsomolski Platz säumen, wird die Fassadengestaltung variiert. An der östlichen Ecke wird bereits im Sockelgeschoss durch einen Eckrisalit der Turm in der Fassade differenziert. An der westlichen Ecke wurde die eigentliche Kante abgeflacht, so dass ein schmaler Fassadenstreifen entsteht. An dieser Stelle sind die Fenster durch verschiedene Mittel hervorgehoben. In der dritten Etage liegt vor dem Fenster ein massiver Balkon auf Konsolen. Die Brüstung des Balkons wird mit eckigen Stuckornamenten zu einer stilisierten Säulen-Balustrade. Die Fenster sind hier größer und in der vierten Etage mit einem Rundbogen mit Stuckädikula versehen. In der fünften Etage sind die Zwillingsrundbogenfenster ebenfalls mit einer flachen Stuckädikula gerahmt. Die Dachblende der Ecke besteht aus einem einfachen gesprengten Dreiecksgiebel.

Balkon der 3. Etage                           Rundbogenfenster der 4. Etage             gesprengter Dreiecksgiebel über den
                                                                                                                          Zwillingsrundbogenfenstern der 5. Etage

Der Turm an der östlichen Ecke des Baukörpers wird bereits im Erdgeschoss mit Hilfe eines Eckrisalits an der Nord- und Ostseite demonstriert. Auch die Gestaltung der Fassade variiert: die vier Lisenen haben nicht mehr denselben Abstand, sondern lassen jeweils in der Mitte Raum für zwei bis drei Fenster auf der Nordseite des Turms und Rundbogenfenster auf der Ostseite des Turms.
 
Mit Hilfe des Risalits wird bereits in den unteren Etagen die quadratische Form des Turmes angedeutet, aber erst über der Höhe des massiven Baukörpers, ab der fünften Etage, vollständig ausgeformt. Dieser quadratische Grundriss wird bis zur achten Etage beibehalten. Über der achten Etage wird die quadratische Form abrupt mit einem Flachdach beendet, dem ein zylindrischer Baukörper mit, im Verhältnis zum Turm, schmalem Durchmesser aufgesetzt wurde. Dieser zylindrische Bauteil wird über zwei Etagen geführt. Den Abschluss bildet ein flaches Dach, auf das wiederum ein Baukörper mit oktogonalem Grundriss aufgesetzt wurde. Dieser Teil des Turms hat einen sehr schmalen Durchmesser und bildet eine Art Tambour für die folgende Turmspitze.

   
Turm                                                                            Turmaufbau                      

Die einzelnen Etagen des Turms sind verstärkt ornamentiert. Auf der Ostseite ist zusätzlich die horizontale Etagengliederung durch mehrere Fenster, die zwischen die Etagen gesetzt wurden, aufgelöst. Im untersten Rundbogenfenster wird das Bossenmauerwerk als Ädikula in das zweite Geschoss gezogen. Die Stuckgesimslinien unter- und oberhalb der fünften Etage werden an dieser Seite durch Fenster durchbrochen.
 
Die Nordseite des Turms unterscheidet sich ebenfalls in der Fassadengestaltung von dem massiven Baukörper. Im Sockelgeschoss befindet sich der Eingang, dessen Rundbogen bis in das zweite Geschoss reicht und ebenfalls das Bossenmauerwerk als Ädikula in dieses Geschoss zieht. Die vierte und fünfte Etage verfügen über einen massiven Balkon, der durch je vier Konsolen getragen wird. Die Stuckreliefe des Balkons wiederholen die Ornamente der Fenster der dritten Etage: mehrere kannelierte Quadrate.

   
Nordseite des Turms                                                      Ostseite des Turms                 

Die West- und Südseite des Turmes wurden mit der Fassadengestaltung nicht besonders hervorgehoben, da sie nicht auf den Platz gerichtet sind und aufgrund des massiven Baukörpers auch nur teilweise sichtbar sind.
 
Die dritte Etage des Turmes hat an allen vier Seiten eine gleichmäßige Fenstergestaltung. Jeweils vier schmale Rundbogenfenster sind oben und unten durch ein Gesims abgeteilt. Auf diese Etage wurde der zylindrische Baukörper aufgesetzt. Durch den zylindrischen Aufsatz auf den quadratischen Grundriss entsteht in der dritten Etage des Turmes eine kleine Dachfläche. Diese ist reduziert verblendet durch verkürzte Pfeiler, die die Linien der Lisenen aufnehmen und durch ein Metallgitter verbunden sind. Die Ecken des Turms sind an dieser Stelle mit Skulpturen geschmückt, die entfernt an schmale Pyramiden erinnern, mit einer Kugel an der Spitze.

 
Turmspitze

Der zylindrische Turmaufsatz besteht aus zwei Etagen mit je acht Fenstern. Die Zahl acht wird in dem folgenden achteckigen Baukörper aufgegriffen. Diese letzte Etage unter der Turmspitze hat aufgrund des schmalen Durchmessers vermutlich trotz der eingesetzten Fenster dekorativen Charakter. Durch den erneuten Aufsatz eines Baukörpers mit schmalerem Durchmesser entsteht wieder eine kleine Dachfläche, die durch eine umlaufende einfache Brüstung verblendet ist. Die Turmspitze besteht aus einer sechsseitigen spitzen Pyramide, die mit verzinntem Blech verkleidet ist. Die Spitze krönt ein fünfzackiger Stern aus Weißblech, der sogenannte Sowjetstern.

 
Stern auf der Spitze des Turms

Das Gebäude ist sicher kein Vorzeige-Beispiel des stalinistischen Klassizismus. Mit einer Höhe von nur 46 Metern ist es bei weitem nicht zu vergleichen mit den sieben Hochhäusern in Moskau. Es gibt keine konsequente Symmetrie und auch die verwendeten Baumaterialien sind nicht sofort als besonders wertvoll zu identifizieren. Trotzdem gibt es Elemente die als typisch für die Architektur unter Stalin gelten.
 
In der Fassade werden Stilelemente verwendet, die die palastartige Erscheinung des stalinistischen Klassizismus ausmachen. Z.B. die weißen Lisenen, die die Fassade streng geometrisch gliedern. Auch die repräsentativen Balkone, die an diesem Permer Gebäude wohl nie für eine Rede der Regierung zum Volk genutzt wurden, sind ein Stilelement des Stalin-Empire. Der mehrfache Turmaufbau aus verschiedenen geometrischen Körpern findet sich ebenfalls häufig in der stalinistischen Architektur.
 
Typisch für die sozialistischen Bauten ist es, die repräsentative Funktion vor die Funktionale zu stellen. Beim Gebäude in Perm ist die Fläche der Fassade im Verhältnis zu der Fläche der Fenster sehr groß. Anders formuliert: es gibt mehr Wand als Fenster. Die Fenster sind klein und die dahinter liegenden Räume entsprechend dunkel. Wichtiger war die Gestaltung der Fassade, als die Arbeitssituation in den Räumen. Allerdings könnte hier auch gerade die Funktion die Ursache für die Gestaltung gewesen sein. In ein Gebäude des KGB sollte man keinen Einblick durch die Fenster bekommen.
 
An der Ostseite des Turmes durchbrechen einzelne Fenster die strenge horizontale Gliederung. Diese Fenster gehören zum Treppenhaus und folgen somit der Funktion des Gebäudes. Sie sind in die Fassade integriert, obwohl sie die einheitliche Außenwirkung des Gebäudes stören, etwas das bei einem Paradebeispiel für stalinistische Architektur anders gelöst worden wäre.
 
Typisch für das Stalin-Empire sind dekorative Elemente die der sowjetischen Ideologie Ausdruck verleihen. Dazu gehören insbesondere Reliefe mit Arbeitern, Ährenbündel, Hammer und Sichel und der fünfzackige Stern. In Perm findet sich als ideologische Dekoration lediglich der fünfzackige Stern an der Spitze des Gebäudes. Er ist dabei so klein, dass er im ersten Moment nicht besonders ins Auge fällt.
 
Nur wer weiß, was er an der Spitze des Turmes zu erwarten hat, wird den Stern ausmachen können. Die pyramidenartigen Skulpturen am Turm sind mir nicht als sowjetische Symbole bekannt und dienen wohl ausschließlich der Dekoration.
Das Bauwerk ist am Ende der Stalinzeit entstanden und spiegelt somit in der Architektur und der Fassadengestaltung einen Nachklang des sogenannten Stalin-Empire wider.

 

Das Gebäude am Komsomolski Platz nennen die Einheimischen „Todesturm“ bzw. „Turm des Todes“. Unter einem anderen Namen ist das Gebäude in Perm praktisch nicht bekannt. Die Ursache für diese Bezeichnung findet sich in vielen, vielen verschiedenen Legenden, die allerdings bisher weder verifiziert noch widerlegt worden sind. Fast jeder in Perm kennt eine andere Geschichte, warum dieses Gebäude Todesturm heißt.
 
Natürlich hängen diese Legenden mit dem Tod zusammen. Das Gebäude wurde für die Repräsentanz einer der Vorgängerorganisationen des KGB in Perm erbaut. So dass der Großteil der Geschichten mit den Repressionen unter Stalin in Zusammenhang steht, obwohl das Gebäude erst am Ende der Stalinzeit, Stalin starb ein Jahr nachdem das Gebäude errichtet wurde, fertig gestellt worden ist.
 
Eine Erzählung berichtet davon, dass in diesem Gebäude Leute verschwinden. Niemand sei je aus dem Turm herausgekommen, deswegen nennen ihn alle Todesturm. Unter dem Turm gäbe es einen Gang zu einem Gefängnis in einem anderen Bezirk. Personen die zum Tode verurteilt wurden, kamen unterirdisch in diesen Turm. Außerdem gäbe es unter dem Turm ein Tunnel- und Bunkersystem. In tiefen Kellern des Gebäudes befänden sich Gefängnisse in denen bis heute Leute sitzen.
 
Eine weitere Geschichte erzählt von den Seelen der Unterdrückten der Stalindiktatur, die dieses Gebäude bauen mussten und heute noch im Gebäude umherwandeln. Es waren auch deutsche Kriegsgefangene unter den Arbeitern und man erzählt sich, dass sie lebendig eingemauert wurden, deswegen wird das Bauwerk Todesturm genannt.
 
Andere Legenden gehen auf die Zeit zurück, bevor das Bauwerk errichtet wurde. So soll an dieser Stelle zuvor ein Friedhof gewesen sein. Einige Erklärungen reichen sogar bis in die Zeit der Revolution, so sollen an diesem Ort zahlreiche Menschen ermordetet worden sein. Und dass das Gebäude an diesem verfluchten Ort gebaut wurde, sei Absicht des Staates gewesen, daher der Name Todesturm.
 
Andere Geschichten berichten von einem Kino, das ursprünglich an diesem Platz war und als letzten Film den „Turm des Todes“ gespielt hat. Nach der Sowjetzeit sollen sich ehemalige Funktionäre vom Turm gestürzt haben, ist ebenfalls eine Legende rund um den Todesturm.
 
Das Gebäude ist mit dieser Permer Bezeichnung auch schon in die Literatur eingegangen. Anatoli Subbotin schrieb 1997 die phantasmagorische Geschichte „Todesturm“, in der das Gebäude am Komsomolski Platz in Perm im Zentrum steht.
 
Der Großteil der Legenden bringt die Sowjetzeit mit dem unfreiwilligen Tod in Verbindung und unabhängig davon, ob die Geschichten stimmen oder nicht, spiegeln sie doch das Verhältnis der Bevölkerung zu dieser Ära wider. Sicher spielt hier auch die für die Stalinzeit typische Architektur des Gebäudes eine wichtige Rolle die Legenden von den Menschen, die an dieser Stelle wegen der Stalindiktatur gestorben sind, am Leben zu erhalten.
Aufgrund der zentralen Lage an einem Verkehrsknotenpunkt in Perm wird der Name Todesturm häufig im Alltag verwendet, außerdem spielt der Turm selbst für die Orientierung in der Stadt eine Rolle. Häufig kann man in Perm hören: „Du fährst mit der Straßenbahn zum Todesturm und steigst dann in den Bus 63 um.“ Deswegen konnte und wird sich die Bezeichnung Turm des Todes für das Gebäude nebst den Geschichten in Perm halten.

Quelle für die Legenden zum Todesturm: www.comk.ru/html/abashev_doc.html

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