Bildung in Perm


Der Komsomolski Prospekt von der Kama Richtung Innenstadt

von Sabine Skott
 
Auf Bildung wird in Russland viel Wert gelegt. Die erste offizielle Bildung erhalten russische Kinder in der Schule. Die Schulzeit beginnt im Allgemeinen im Alter von sieben Jahren und endet, wenn die Schüler 15 oder 17 Jahre alt sind. In Russland existiert auch ein Ausbildungssystem für handwerkliche Berufe ähnlich dem in Deutschland, jedoch sind solche Berufsausbildungen nicht so anerkannt in der Gesellschaft, wie in Deutschland. Berufliches Prestige ist mit einigen Ausnahmen eigentlich nur durch die Hochschulbildung zu erreichen.
Ein Abitur als Abschluss der Schule, das als Hochschulzugangsberechtigung verwendet wird, gibt es in Russland nicht. Um studieren zu können müssen die Schüler einen Aufnahme-Test an der Universität bestehen. Das Studium wird entsprechend des Schulabgangsalters schon mit 17 Jahren begonnen und aufgrund des straff organisierten Stundenplans bereits mit 21 Jahren abgeschlossen. Somit treten russische Akademiker sehr jung in das Berufsleben ein. Das russische Bildungssystem wird nicht äquivalent im Ausland akzeptiert. In Deutschland beispielsweise wird der russische Schulabschluss plus zwei Jahre Studium in Russland als gleichwertig zum deutschen Abitur betrachtet.
 
Die Schule und auch die Universität beginnen in ganz Russland am 1. September. An diesem Datum werden sie auch in Perm zahlreiche festlich gekleidete Schüler und Studenten vor den Schulen und Universitäten sehen.
 

Schulen 
Die Schule in Russland hat im Vergleich zur deutschen Schule einen vermehrt erzieherischen Auftrag. In der Schule herrscht Disziplin und Respekt gegenüber dem Lehrer. Lehrer genießen trotz des außergewöhnlich geringen Gehalts ein hohes Ansehen in der Gesellschaft. Trotzdem die russischen Schüler mit der 9. bzw. 11. Klasse die Schule beenden, werden nur acht oder zehn Schuljahre absolviert. Dieses Paradoxon entsteht, da alle Schüler die 4. Klasse überspringen. Es gibt verschiedenen Schultypen, allerdings wird gewöhnlich die 1.-3. Klasse (Grundstufe) und die 5.-9. (Hauptstufe) an einer Schule im selben Klassenverband absolviert. Die Oberstufe der 10. und 11. Klasse werden ebenfalls häufig an der selben Schule absolviert, allerdings in neuen Klassenverbänden, da nicht alle Schüler die Oberstufe besuchen. Schulen können Spezialisierungen in den Naturwissenschaften oder Sprachen haben, was mit vermehrtem Unterricht in den Spezialisierungsfächern verbunden ist. So ist z.B. die Schule Nr.12 (Schulen in Russland werden in den Städten jeweils durchnummeriert) in Perm in der Öffentlichkeit mit verstärktem Deutschunterricht verbunden. Schüler von dieser Schule haben gute Chancen an den Universitäten für ein Deutschstudium zugelassen zu werden.

Schule Nr.22 mit erweitertem Französischunterricht

Hochschulen  
Für die Hochschulbildung stehen in Russland mehrere Einrichtungen zur Verfügung: Universitäten, Akademien und Institute (Hochschulen), jeweils privat oder staatlich. Traditionell betreiben die Institute und Akademien eine fachliche Ausbildung z.B. Medizin, Wirtschaft, Kunst oder Pharmazie. Die Universitäten haben ein breiteres Bildungsangebot, jedoch werden auch die Studenten an Universitäten nur in einem Fach ausgebildet. Die Möglichkeit als Germanistikstudent Vorlesungen in der Bergbaufakultät zu besuchen gibt es nicht. In Perm und dem Permer Gebiet existieren drei staatliche Universitäten und 30 teilweise private Institute und Akademien mit allen erdenklichen Spezialisierungsmöglichkeiten. Diese Einrichtungen verlässt man im Moment noch mit einem Diplom im entsprechenden Fach. Allerdings befindet sich das russische Bildungssystem ebenfalls in einer Umbruchsphase, so dass in den nächsten Jahren die ersten Studenten die Universitäten und Hochschulen mit dem Baccalaureus oder dem Master verlassen werden.  
Russische Hochschule und Universitäten sind dem Bildungsministerium unterstellt. Nur Universitäten die staatlich anerkannt sind, können staatliche Diplome verleihen. Sollte eine Hochschule die Akkreditierung nicht bekommen, so wären auch die Diplome wertlos. 
Permer Staatliche Technische Universität

Trotzdem das Bildungssystem zentralisiert ist, haben die Universitäten einen gewissen Spielraum, was den genauen Stundenplan angeht. Für Studenten ist es fast unmöglich während des Studiums die Hochschule zu wechseln, da die zu absolvierenden Fächer von jeder Universität individuell festgelegt werden und die Anerkennung von Studienleistung praktisch nicht stattfindet. Allerdings spielt der Hochschulwechsel in Russland keine große Rolle, da die Universität, mit Ausnahme der Moskauer und St. Petersburger Bildungseinrichtungen, in erster Linie nach der geographischen Nähe gewählt wird. Das liegt zum einen an dem niedrigen Alter der Studenten. Mit 17 Jahren bleiben die Studenten bei den Eltern wohnen oder leben in der Woche im Studentenwohnheim und am Wochenende fahren sie nach Hause. Der andere Grund sind Russlands Weiten, schon wenn die Studenten aus dem Permer Gebiet kommen, könnte es sein, dass sie acht Stunden im Bus unterwegs sind, um am Wochenende zu den Eltern fahren zu können. Universitäten in Russland, mit Ausnahme der Moskauer und St. Petersburger Bildungseinrichtungen, haben also lediglich einen auf die Region begrenzten Ruf. In den Permer Hochschulen finden sich somit ausschließlich Studenten aus Perm und dem Permer Gebiet.

Permer Staatliche Pädagogische Universität

Die Hochschulbildung ist im Prinzip kostenlos, allerdings gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit auch gegen Bezahlung zu studieren. Verpflichtet sind die staatlichen Hochschulen mindestens 25 Prozent der Studienplätze kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die privaten Hochschulen bieten nur kostenpflichtige Studienplätze an. Eher symbolisch stellen die staatlichen Hochschulen für leistungsstarke Studenten ein monatliches Stipendium in Höhe von etwa 20 Euro zur Verfügung.
 
Die russischen Studenten besuchen die Universitäten selten, um ein Spezialist auf diesem Gebiet zu werden, oder weil das Fach schon immer interessant war. Sondern weil eine Hochschulbildung unabdingbar ist, um im russischen Alltag eine realistisch bezahlte Arbeit zu finden. In Russland spricht man davon: Es wird studiert, um die Papiere zu bekommen. Das heißt z.B., dass man in der Permer Staatlichen Pädagogischen Universität Lehrer ausbildet, aber nur ein äußerst geringer Anteil der Absolventen tatsächlich an den Schulen arbeiten wird. So kann zum Beispiel ein ausgebildeter Deutschlehrer ebenso als Dolmetscher, wie in einem Reisebüro arbeiten. 
 
Im russischen Alltag wird bei einem Gespräch über den Abschluss nie das Fach erwähnt, sondern nur die Bildungseinrichtung. Man würde in Perm lediglich die Phrase hören: „ich habe die Permer Staatliche Technische Universität absolviert.“ Das heißt derjenige besitzt ein staatliches Diplom. Aber ob er nun Deutsch, Wirtschaft, Informatik oder Bergbau studiert hat, wird man nicht erfahren, da das eigentliche Fach für die Arbeitssuche und die berufliche Identifikation eine geringe Rolle spielt.

Home