Mal lacht man über eine „5“- mal weint man über sie 

von Olga Mischtschenko
 
Es ist egal, wo ein Kind herkommt. Es muss auf jeden Fall in die Schule gehen. Das gilt sowohl für Russland, als auch für Deutschland. Die Länder aber sind verschieden. Und neben kulturellen Unterschieden gibt es auch unterschiedliche Schulsysteme. Maria Eiken, die niedersächsische Lehrerin, die aus Deutschland im Permer Lehrerfortbildungsinstitut arbeitet, kennt beide Schulsysteme. Sie bildet Deutschlehrerinnen in Perm fort und unterrichtet hier in einigen 6. und 9. Klassen Deutsch. Sie hat mir von ihren Erfahrungen berichtet.  


Das erste, worüber sich Maria Eiken hier gewundert hat, waren russische Noten. Die schlechteste Note in Deutschland ist 6. In Russland ist es mit den Noten umgekehrt. Maria Eiken findet es aber gut, dass es in den russischen Schulen meistens nur gute Noten gibt. Eine „1“ oder „2“ bekommen die russischen Schüler doch sehr selten.
 
Der Unterschied ist auch, meint Maria Eiken, dass die deutschen Schulen besser ausgestattet sind. In jedem Raum gibt es mobile Tische und Stühle, damit man die Arbeitsform verändern kann. Während eine russische Lehrerin ihr Kabinett hat und die Schüler zur Lehrerin kommen, gehen die deutschen Lehrer in den Klassenraum der Schüler. Zu Hause hat jeder Lehrer in Deutschland sein eigenes Arbeitszimmer mit Computer, Drucker, Scanner und sogar Laminiergerät.
 
In den Sprechstunden, die Maria Eiken für Permer Lehrer gibt, erfahren viel Neues sie über die deutschen Schulen und sind meistens erstaunt. Sie haben zum Beispiel erfahren, dass der deutsche Lehrer zwei Fächer unterrichten muss. Die erste Frage, die gleich entstand, war danach, womit ein Lehrer beispielsweise das Fach Sport kombiniert. „Häufig unterrichten die Sportlehrer auch Englisch“, sagt Maria Eiken. „Solch ein Lehrer trägt manchmal einen Jogginganzug, weil er zwischen der Sporthalle und den Klassenräumen mehrmals am Tag wechseln muss“.
 
Maria Eiken selbst unterrichtet Kochen und Deutsch. Das ist eine seltene Kombination. Übrigens, auf Kochen, das Fach heißt „Hauswirtschaft“ legt man in Deutschland einen großen Wert, weil die gesunde Ernährung und die ökologische Lebensweise dort sehr wichtig genommen wird.
 
Es gibt auch einen Unterschied, der die jungen Lehrer betrifft. Wenn junge Lehrer in Russland gleich nach dem Uniabschluss, mit 21 Jahren, in die Schule gehen dürfen, gibt es solche Möglichkeit für deutsche junge Lehrer erst mit ca. 27 Jahren. Da man erst mit 19 Jahren das Abitur macht, dann 5 Jahre studiert und anschließend zwei Jahre in der Schule ein Referendariat absolviert, ist man schon deutlich älter. Im Referendariat lernen die „Lehramtsanwärter“ die Theorie und Praxis des Unterrichts genauer kennen und schließen diese zweite Ausbildungsphase mit einem Staatsexamen ab.
 
Es ist auch für russische Lehrerinnen merkwürdig, dass sich die Schüler in Deutschland zu Wort melden, indem sie nicht die Hand, sondern den Zeigefinger hochheben. Das ist aber nicht der einzige Unterschied, der die Gesten im Unterricht angeht. Eine Grundschullehrerin fordert auf merkwürdige Weise die Aufmerksamkeit ihrer Schüler. Sie macht mit den Fingern den „Fuchs“. Der Mittelfinger und der vierte Finger drücken dabei auf den Daumen, die anderen zwei Finger stehen hoch. So sieht der schweigende Fuchs aus, der die Ohren zum Zuhören weit offen hat.
 
Verwunderlich ist auch, dass der deutsche Lehrer den Schüler nicht nach Hause schicken darf. Das machen russische Lehrer öfter, wenn sich ein lustloser Schüler schlecht in der Stunde benimmt.
Im Deutschunterricht wird in Deutschland Literatur, Grammatik und Rechtschreibung gelehrt. Das Unterrichtsfach „Deutsche Literatur“ gibt es nicht. Bei uns in Russland ist russische Literatur doch eines der wichtigsten Fächer.
 
Was das Leben der deutschen Schüler anbetrifft, so haben sie es gut, weil Jugendliche in Deutschland im Durchschnitt 25 Euro Taschengeld wöchentlich bekommen und ab 16 Jahren Bier kaufen und trinken dürfen.
 
Ein Problem für die deutschen Schulen ist, dass zu viele Schüler sitzen bleiben. Sitzen bleiben bedeutet, dass ein Schüler das Klassenziel nicht erreicht hat und ein jahr wiederholen muss. Im Schuljahr 2006/07 sind 250 000 Schüler sitzen geblieben. Das ist eine ernste Zahl. In Anbetracht dessen, dass ein Schüler pro Schuljahr oft mehr als 8000 Euro kostet, so wird das Sitzen bleiben zu einem teuren Problem für den Staat.
 
Da Maria Eiken Unterrichtserfahrungen sowohl in der deutschen, als auch in der russischen Schule hat, kann sie auch die Schüler beider Länder vergleichen. “Ich sehe doch tatsächlich keine Unterschiede”, - gibt die Lehrerin zu. – “Kinder sind die Kinder.“ Sie benehmen sich auf die entsprechende Weise.
 
Beeindruckend findet Frau Eiken die friedliche Atmosphäre in den russischen Schulen. Sie spürt hier weniger Stress und Spannung. „Die russischen Lehrerinnen sind die Mütter für ihre Schüler, übernehmen sehr viel Verantwortung, obwohl sie so wenig verdienen.“

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